Von Dr. Margret Bürgisser, ISAB, Bremgarten
Dass Frauen seltener Karriere machen als Männer, ist eine Tatsache und hat viele Ursachen: Individuelle, betriebliche und gesellschaftliche. Ein ganzes Geflecht von Einflussfaktoren bewirkt, dass weibliche Laufbahnen noch immer unter erschwerten Bedingungen ablaufen. Stellen Sie sich vor, Frauen müssten gegen einen Strom schwimmen, um eine gewisse Distanz zu überwinden, Männer hingegen könnten sich mit dem Strom treiben lassen. Dieses Bild macht deutlich, dass Frauen, um dasselbe Ziel zu erreichen, viel mehr Kraft und Ausdauer mobilisieren müssen als Männer.
Welches sind denn die Widerstände, die Frauen für ihren Erfolg überwinden müssen und welches die Vorteile, welche Männer voranbringen? Frauen sind heute annähernd gleich gut gebildet und berufsorientiert wie ihre männlichen Kollegen. Sobald sie jedoch erwachsen sind, wird ihre Lebensperspektive von der Doppelorientierung Beruf und Familie geprägt. Wollen Sie eines oder beides? Gebildete Frauen – und dazu zähle ich die Leserinnen dieser Website – streben mehrheitlich an, beides zu haben. Sie wollen im Beruf ihre Frau stehen, ohne auf Partnerschaft oder Familie zu verzichten. Da aber die Verantwortung für Haus- und Familienarbeit, wie eine Vielzahl von Studien belegen, nach wie vor primär bei den Frauen liegt, bedeutet Karriere zwangsläufig eine Doppel- oder Dreifachbelastung. Es sei denn, man könne sich durch familienergänzende Betreuungsangebote oder Haushalthilfen wirksam entlasten.
Im Beruf sehen sich Frauen mit männlich geprägten Führungskulturen und Arbeitszeitmustern konfrontiert, welche auf familienbedingte Bedürfnisse (Teilzeitarbeit, Jobsharing etc.) nur bedingt Rücksicht nehmen. In der globalisierten Arbeitswelt, in der die Jagd nach den Tüchtigsten längst weltweit abläuft, sind ambitionierte Frauen eine Konkurrenz für ihre männlichen Kollegen, auch wenn das nicht offen deklariert wird. Es ist Teil des männlichen Rollenverständnisses, Beruf und Familie zu haben, ohne deswegen mit Problemen behelligt zu werden. Im 20. Jahrhundert sorgte das traditionell-bürgerliche Rollenmodell dafür, dass die Frau dem Partner den Rücken frei hielt und ihn emotional für den Berufsalltag aufbaute. Heutige Frauen sind emanzipierter und fordern von ihren Partnern eine faire Aufgabenteilung. Immer mehr Männer bieten dazu Hand, weil sie realisieren, dass ein familiäres Engagement auch ihnen Vorteile bringen kann.
Im übrigen haben Frauen nur echte Karrierechancen, wenn die Vorgesetzen ihre Entwicklungsbedürfnisse ernst nehmen und unterstützen und wenn im Unternehmen eine verbindliche Gleichstellungsstrategie formuliert, umgesetzt und evaluiert wird. Allerdings stehen viele Frauen dem Leitbild der „klassischen“ Karriere skeptisch gegenüber. Sie sind nicht bereit, zugunsten eines zeitintensiven beruflichen Engagements ihre Work-Life-Balance zu gefährden und andere Lebensinhalte dauerhaft zurückzustellen. In vielen Fällen entpuppt sich das „Keine-Karriere-machen-können“ also als ein „Keine-Karriere-machen-wollen“. Manche qualifizierte Frau verzichtet auf Karriere und sucht stimmigere Lösungen, zum Beispiel den Weg in die berufliche Selbstständigkeit oder ein mit der Familie vereinbares Teilzeitengagement.
Im Hochschulbereich wirkt erschwerend, dass das Stellenangebot (Assistenzen, Professuren) nach wie vor zu beschränkt ist, um allen interessierten Absolventinnen eine adäquate Beschäftigung zu bieten. Wohl laufen gezielte Förderprogramme, und sie sind auch erfolgreich. Doch die Selektionsprogramme und –gremien im Wissenschaftsbetrieb sind nach wie vor männlich geprägt. Frauen haben auch hier das Nachsehen, weil sie neben der Forschungs- und Lehrtätigkeit noch private Verpflichtungen wie Haus- und Familienarbeit oder andere soziale Engagements haben. Studien im akademischen Kader weisen nach, dass Professorinnen sehr viel stärker von Betreuungspflichten belastet sind als ihre männlichen Kollegen. Dasselbe Bild bietet sich für Angehörige des oberen Mittelbaus. Diese Konstellation beeinträchtigt die Möglichkeit, wissenschaftliche Publikationen zu verfassen, aufwendige Gesuchseingaben auszuarbeiten, an Weiterbildungen teilzunehmen oder Netzwerke zu pflegen.
Welche Schlüsse können junge Frauen aus meinen Ausführungen ziehen? Karriereprobleme sind kein persönliches Versagen, sondern in hohem Masse durch gesellschaftliche Vorgaben und geschlechtsspezifische Rollenmuster beeinflusst. Sollen die Spiesse für Männer und Frauen gleich lang werden, sind betriebliche, politische und gesellschaftliche Massnahmen erforderlich. Solange diese fehlen oder ungenügend greifen, kommen Frauen nicht umhin, in einem permanenten Balanceakt das Gleichgewicht zwischen beruflichen Ambitionen und privaten Bedürfnissen herzustellen und zu verteidigen. Die Laufbahnperspektive muss so flexibel sein, dass sie den sich wandelnden Bedürfnissen immer wieder angepasst werden kann. Letztlich sind überzeugende Lösungen aber nur zu erreichen, wenn auch die Männer sich bewegen und die Verantwortung in Familie und Partnerschaft voll und ganz mittragen. Dann würden Männer und Frauen endlich in denselben Gewässern unter gleichen Bedingungen in dieselbe Richtung schwimmen.
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Dr. Margret Bürgisser
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