Von Zita Küng
Was bedeutet es, als Frau in einer Führungsposition zu sein?
Eine Frau muss alles tun, um ihre Position abzusichern. Man sägt dauernd an ihrem Stuhl. Wenn ihr dieses Bewusstsein fehlt, ist eine Frau recht schnell weg vom Job. Das ist zwar hässlich, aber es entspricht der Realität. Um ihren Job gut zu machen, muss sie ihn zu erst einmal behalten können.
Wie bleibt die Chefin auf Ihrem Posten?
Sie hat Ohren überall, auch da, wo sie selbst nicht hinkommt. Sie hat Leute, die ihr Informationen zutragen. Deshalb kann sie für potenzielle GegnerInnen eine Lösung zu finden, die es ihnen erlauben, von einer Attacke auf sie Abstand zu nehmen. Sie kann ihnen etwas anbieten, was interessanter ist als an ihrem Stuhl zu sägen.
Haben es Männer in Führungspositionen leichter?
Das ist zweifellos der Fall. Männer haben es viel leichter, z.B. InformantInnen zu finden, denn das gilt als selbstverständlich. Dass einer Frau Informationen zugetragen werden, ist historisch gesehen eine neue Situation. Deshalb ist es für eine Frau objektiv gesehen eine äusserst anspruchsvolle Situation, Männer und Frauen dazu zu bewegen, sie im Positionskampf zu unterstützen.
Eine Frau, die eine Führungsposition antritt stellt oft überrascht fest, dass sie damit eine Aufregung im Betrieb auslöst. Wie lässt sich das erklären?
Ein Mann in dieser Situation kann mit tausend anderen Männern verglichen werden, die vor ihm einen solchen Posten innehatten; eine Frau steht einzig da. Das löst ein Gefühl der Irritation aus.
Weil wir Frauen aber häufig denken, dass Gleichberechtigung schon erreicht ist, ist es für jede einzelne Frau überraschend, wenn sie plötzlich wieder auf das alte Klischee trifft, dass Frauen für solche Stellen nicht geeignet seien. Wir denken, wir hätten diese Klischees überwunden. Und dann zeigt es sich, dass dem überhaupt nicht so ist.
Eine Frau an einer wichtigen Stelle löst Irritationen aus. Was geschieht danach?
Es entsteht die Überzeugung, dass diese Frau deplaziert ist. „Die gehört hier nicht hin. Das muss ein Irrtum sein. Wie ist das möglich? Ist sie wirklich so gut?“ Und so beginnen sich alle zu überlegen, ob sie wirklich gut ist. Wenn man fachlich nichts findet, fragt man sich: „Was ist das für eine Person?“ Egal, was sie macht, man findet immer einen Grund, warum sie eigentlich gar nicht an dieser Stelle sein sollte. Nicht selten kommt es denn auch zum Misserfolg, der für die betroffenen Frauen verheerend sein kann.
Gibt es hilfreiche Strategien, damit eine Frau erfolgreich bleiben kann?
Ganz wichtig ist die Vernetzung und zwar um 360 Grad. Sie muss jede Unterstützung wahrnehmen, die sie bekommen kann. Dazu gehört auch, dass sie KomplizInnen findet und sich das anlegt, was ich ein „Depot“ nenne.
Was ist ein „Depot“?
Manchmal verhält sich eine andere Person nicht ganz korrekt und wir wissen das. Damit erhalten wir Schuldscheine, die wir einlösen können. Im Wirtschaftsleben unter Männern spielen sie eine ganz grosse Rolle.
Hat eine Frau, die sich ethisch verhält, keine Karrierechancen?
Natürlich müssen sich alle moralisch einwandfrei verhalten, aber die Frage stellt sich, was das genau ist. Wir müssen von der Idee loskommen, dass wir uns nie die Hände schmutzig machen müssen. Solange es nur so wenige Frauen in Führungspositionen gibt, können sie die Regeln nicht ändern und müssen mit den heutigen Regeln leben. Wenn es einmal mehr Frauen gibt, werden auch die Verhaltensmodelle breiter und eine Frau wird wählen können, welches Modell für sie wünschenswert ist.
Braucht es neue Führungsmodelle?
Führungskultur sollte hohen ethischen Anforderungen genügen. Die jetzige Führungskultur in vielen Unternehmen macht die Menschen krank und bringt unseren Planeten an den Rand des Kollapses. Es macht keine Freude und es ist nicht motivierend, so zu führen und so geführt zu werden.
Was können Betriebe tun, damit Frauen erfolgreich sind?
Betriebe und Vorgesetzte sollen Frauen einfach machen lassen und ihnen eine Chance geben. Frauen brauchen Vertrauen, nichts Spezielles. Sie brauchen einfach den Zugang zu guten Positionen.
Das Risiko für eine Frau, eine Führungsposition anzutreten, scheint ziemlich hoch zu sein. Weshalb sollen Frauen es trotzdem tun?
Erstens: Auch „keine wichtige und interessante Stelle bekleiden“ hat seinen Preis. Zweitens: Eine wichtige Stelle zu besetzen gibt die Möglichkeit zum Gestalten. Eine der ganz grossen Zumutungen für Frauen heute ist, dass sie im Beruf oft nur darüber entscheiden können, ob die Vorhänge der Kutsche weiss oder grün sein sollen. Wir müssen aber (mit)entscheiden, ob wir eine Kutsche oder ein Flugzeug nehmen oder ob wir zu Fuss gehen wollen. Drittens: Es braucht Veränderungen auf den Chefetagen und dafür braucht es Frauen in einer anständigen Zahl – homöopathische Vertretungen reichen da nicht aus.
Profil der Autorin
Zita Küng, Lic.iur., Inhaberin von EQuality – Agentur für Gender Mainstreaming. Sie berät Regierungen, Betriebs- und Verwaltungsspitzen bei der Implementierung der aktuellen Strategie zur Verschönerung des Geschlechterverhältnisses. Sie coacht Führungspersonen und betreibt leidenschaftlich Empowerment von Frauen.